Bio
- 22. Mai
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Es hatte geregnet. – ein kalter Mai-Regen, den die „Kalte Sophie“ geschickt hatte. Hilde ging an einem Rapsfeld entlang, sog den Duft der Blüten ein und erfreute sich an der Weite des Feldes mit der satten gelben Farbe. Auf ihrem Weg zog eine Schnecke langsam eine schleimige Spur.
Das erinnerte Hilde daran, dass sie als Kind Schnecken eingesammelt hat. Es gab pro Schnecke einen Pfennig. Da es viele Schnecken auf dem Gelände der Gärtnerei gab, kam einiges zusammen. Die Schnecken fraßen die kleinen Kohlrabi-Pflanzen oder den Salat noch ehe er richtig wachsen konnte. Das konnte Gr0ßvater, der Gärtner, nicht zulassen. Schneckenkorn gab es damals noch nicht. Gegen Blattläuse ging man mit Brennessel-Sud vor. Jedes Marienkäferchen, das Hilde über das Händchen lief, trug sie in das große Gewächshaus, dass es sich dort an Blattläusen satt essen konnte.
Pestizide gab es zu dieser Zeit in ihrem Garten nicht. Was Hildes Mutter im Laden verkaufte und was ihre Großmutter in großen in Portionen für die Großfamilie kochte, war alles rein Bio.
Hilde kann sich an ein Jahr erinnern an dem es besonders viele Kartoffelkäfer gab, die drohten, ganze Äcker kahl zu fressen. Damals wurden ganze Schulklassen ins Kartoffelfeld geschickt und die Kinder mussten die Käfer ablesen. Das Gekrabbel auf den Händen konnte nicht jedes Kind ertragen. Es gab viel Geschrei auf dem Acker.
Gedüngt wurde mit Stallmist. (Es gab zwei Ziegen, ein Schwein, Hühner und Hasen, die alle Mist machten) Hinter dem Treibhaus gab es mehrere Komposthaufen. Alle Gartenabfälle wurden dort angehäuft und immer wieder umgeschichtet, bis endlich Erde daraus wurde.
Jeder in der Großfamilie musste im Garten mithelfen. Hilde sieht sich noch heute mit ihrer Großtante, einer lieben, alten Dame mit schönem weißen Haaren, die ihr ganzes Hab und Gut bei einem Bombenangriff in der nahgelegenen Stadt verloren hatte, auf einer Bohle kauern und Karotten pikieren. Eine mühsame Arbeit war das.
Hilde war oft neidisch auf die Nachbarkinder, die auf der Straße spielten, während sie ihre Arbeiten im Garten erfüllen musste.
All die Arbeiten der Familienmitglieder wurden nicht bezahlt im Sinne von Lohn. Es gab dafür Kost und Logis. Auch so etwas wie Krankenversicherung oder Altersvorsorge gab es nicht.
Man lebte gesund „bio“. Fleisch gab es wenig. Erst in den 50ern kam der Satz „Fleisch ist ein Stück Lebenskraft“ (?) und wer ein Stück Fleisch auf dem Teller hatte, galt als reich.
Die Zeit hat vieles geändert. „Bio“ ist heute teuer und nicht jede/jeder kann sich das leisten. Die Ware ist sauber und appetitlich präsentiert. Die schmutzigen Hände, die Schuhe voller Erde und den krummen Rücken sieht man nicht. Nicht alles lässt sich mit Maschinen machen. Es ist, besonders bei biologischem Anbau, noch viel Handarbeit vonnöten.
Später – als Hilde noch ihren Einkauf machte – entscheidet sie sich für „alte“ Bio-Kartoffel vom Bauer um die Ecke, anstatt für die „neuen“ Kartoffel aus Zypern.


