Welcher Beruf
- 15. Juli
- 4 Min. Lesezeit

Hilde ist dabei, ein Formular auszufüllen. Da steht die Frage nach dem „Beruf“. Sie schreibt in die Zeile „Rentnerin“ und denkt sich dabei, dass das ja kein Beruf ist, sondern eine Lebensphase. Aber sie weiß, dass diese Angabe akzeptiert wird.
Welchen Beruf soll sie auch reinschreiben?
Sie hält inne beim Ausfüllen des Formulars und ihre Gedanken schweifen ab. Sie führen Hilde weit zurück, als Hilde noch im Blumengeschäft ihrer Mutter Blumenarrangements für die Kundschaft zauberte. Damals kannte sie alle Topfpflanzen beim Namen und wusste jede Pflegeanleitung. Geduldig ging sie auf die Wünsche und Fragen der Kundschaft ein. Kurzum – sie kannte sich in allem aus, was eine gute Blumenbinderin können und wissen muss. Eigentlich hätte sie eine Prüfung machen können und würde heute Floristin sein. Aber als Hilde 17 war, durfte sie aus verschiedenen Gründen ihren Berufswunsch umsetzen und Bauzeichnerin bei einem Statiker werden. Das Zeichnen von Schal- und Bewehrungsplänen hat sie sehr gerne gemacht. Damals gab es die ersten Gastarbeiter aus Italien. Die feurigen Italiener hatten den Ruf, den deutschen Mädchen gefährlich zu werden. Deswegen durfte Hilde auch nur zu Kurzbesuchen mit ihrem Chef auf die Baustellen und dort kein Praktikum machen. Das hat sie sehr bedauert. Sie hat zwar sehen dürfen, was nach ihren Plänen entstanden ist, aber sie hätte gern gesehen, wie es entstand und hätte gern mit zugepackt.
Über die ganze Lehrzeit am Zeichenbrett verbrachte Hilde jede freie Stunde im Blumenladen, weil ihre Mutter ihre Hilfe brauchte. Als sie dann die Gesellenprüfung als Zeichnerin hinter sich hatte, wollte sie noch eine Prüfung zur Blumenbinderin machen. Aber die wurde ihr verwehrt, weil sie nicht drei Jahre in der Berufsschule der Blumenbinder war. Das empfand sie damals als Unsinn, zumal sie die Erfahrung gemachte hatte, dass sie in der Berufsschule nicht viel für ihren Beruf gelernt hatte. Sie hatte ihr Fachwissen von den Kollegen und ihrem Chef.
Fünf Jahre später war sie Mutter von zwei lebhaften Jungs und „nur“ Hausfrau. Dieser „Beruf“ ist bis heute nicht anerkannt. Vielleicht, weil er in seiner Vielfältigkeit ein ganzes Buch füllen würde? Hilde folgte damals dem amerikanischen Modell und versuchte nach diesen Anforderungen perfekt zu sein. (Es gibt dazu einen interessanten Film mit Julia Roberts: „Das Lächeln der Mona Lisa“.) In Hildes Familie gab es parallel zwei Pflegefälle, geschätzt Pflegestufe 1, für die es kein Entgelt gab und natürlich auch keinen Rentenanspruch. Die Töchter hatte ihre Pflicht zu tun, aus der Dankbarkeit, dass man ihnen ihr Leben geschenkt hat. Diese Dankbarkeitserwartung wurde auf die Schwiegertöchter übertragen. Später hat Hilde oft gedacht, wofür sie eigentlich dankbar sein soll, denn niemand hat sie gefragt, ob sie dieses Leben in dieser Familie leben will.
Mit Vierzig, Hilde hatte inzwischen noch einen fünfjährigen Jungen, brach sie aus ihrer Ehe aus. Dafür gab es viele Gründe.
Sie fand schnell wieder eine Anstellung am Zeichenbrett, obwohl sie 18 Jahre aus dem Beruf war. Das war ein Glücksfall. Hilde liebte es zu zeichnen.
Ihr jüngster Sohn wuchs bei ihr auf.
Dann kam CAD (Computer gesteuertes Zeichnen). Eines Morgens stand auf ihrem Arbeitsplatz eine Zeichenanlage. Zunächst stand sie hilflos vor der Tastatur und dem Bildschirm. Es war ihr ein Rätsel, wie man über eine Tastatur Striche - ja ganze Zeichnungen auf den Bildschirm zaubern konnte und wie das Ganze noch ausgedruckt wird. Aber Hilde war neugierig und die Technik faszinierte sie.
Sie wechselte den Arbeitsplatz in eine Software-Firma. Dort lernte sie mit den Programmierern, baugerechte Software zu erstellen. Inzwischen hatte sie einen eigenen Computer und lernte in jeder freien Minute damit umzugehen. Sie war mit auf Messen und schulte Kunden. Es war ihr Traumberuf.
Dann kam das Aus!
Die rechte Hand und der rechte Arm waren durch die Arbeit am Digitalisier-Tablet, an dem sie ununterbrochen tippen musste, überlastet, schmerzte immer öfter und wurde dick. Nur Ruhigstellung mit Gips half vorübergehend. Hilde suchte mehrere Ärzte auf – jeder riet ihr, den Beruf aufzugeben.
Sie war dafür bekannt, immer schnelle Lösungen zu finden. Aber hier war sie erst mal ratlos und sehr unglücklich. Es brauchte ein wenig Zeit, bis sie sich entschloss einen Arbeitsplatz in einem Baubüro zu suchen.
Nach intensiver Suche (das Arbeitsamt war keine Hilfe) fand Hilde eine Stelle in einer kleinen Baufirma als Mädchen für alles – vom Zeichnen von Werkplänen bis zum Bearbeiten der Post. Um es kurz zu machen, die Firma machte ein Jahr später Pleite. Nein, daran war nicht das Gehalt von Hilde Schuld! Das war eher bescheiden.
Es musste weiter gehen. Nun war Hilde ganz mutig. Mit Mitarbeitern der alten Firma gründete sie – geschäftsführend – eine neue Firma. Das Bauwesen ist an dieser Position nichts für zarte Frauen. Das musste sie schmerzhaft erfahren. Drei Jahre später kam der Burnout. Hilde wickelte die Firma ab und veranlasste die Löschung aus dem Handelsregister.
Fünf Wochen verbrachte sie in einer psychosomatischen Klinik. Sie versuchte zu verstehen, warum ihr Körper und ihre Seele so aus dem Gleichgewicht waren.
Seitdem befasste sich Hilde mit der Psychologie, der Seelenkunde.
Sie machte den Heilpraktiker, eine Ausbildung zur psychologischen Beraterin und hospitierte in einem Hospiz. Sie erlernte Entspannungsverfahren, Lachyoga um es therapeutisch einzusetzen, und Hypnose.
Bis zu ihren 73. Lebensjahr arbeitete sie in all diesen Bereichen.
Hilde schaut wieder auf das Formular – noch ganz in Gedanken an ihr bewegtes Berufsleben. Es macht sie stolz immer weder Lösungen gefunden zu haben – sich den neuen Herausforderungen stets gestellt zu haben und immerzu bereit war, neues zu lernen.
Hilde legt das Formular zur Seite, machte sich eine Tasse Kaffee, und mit der Tasse in der Hand schaut sie hinaus in den Garten und träumt noch ein wenig von alten Zeiten in denen sie noch fit und tatkräftig war.


