Lachen im Zug
- 9. Juni
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Auf YouTube gibt es Filme von Leuten, die in der U-Bahn einfach lachen und Andere damit anstecken, so dass am Ende alle Fahrgäste im Zugwagen lachen.
So etwas wollte Hilde auch erreichen. Sie stellte sich das ganz einfach vor. Es war in der Zeit, als sie noch in Kliniken und anderen Einrichtungen mit Lachyoga erfolgreich aktiv war. Es brauchte ein wenig Mut, aber den hatte Hilde.
So machte sie sich am frühen Morgen gegen 7:00 Uhr auf den Weg zum Bahnhof, um mit dem Stadtexpress zur nahegelegenen Großstadt zu fahren. Ihr Plan war, von dort aus mit U-Bahn oder S-Bahn kreuz und quer zu fahren, in den Zügen zu lachen, bis einige Leute mitlachen. Erst dann wollte sie wieder nach Hause fahren.
Eine große Gruppe von Patienten zum Lachen zu bringen, war ihr bisher immer gelungen. Mit diesem positiven und auch erwartungsfrohen Gefühl stieg sie in den Zug ein.
Beim Betreten des Abteils sagte sie laut: „Guten Morgen“! Im Stadtexpress haben die Sitze hohe Rückenlehnen, so dass man nur die Fahrgäste am Mittelgang sah. Ein Mann hob den Kopf und schaute ein wenig über den Rand seiner großen Zeitung um zu sehen, wer da stört. Einige waren in ihr Handy vertieft und nahmen Hildes freundlichen Gruß nicht wahr. Andere lehnten an der Rücklehne und holten versäumten Schlaf nach. Eine Frau strickte. Sie sah kurz hoch, um sich dann wieder den Stricknadeln und ihrer bunten Wolle zuzuwenden.
Hilde fand einen Platz am Mittelgang. Und dann begann sie vor sich hinzukichern. Erst leise und dann etwas lauter. Keine Reaktion!
Jetzt lachte sie herzhaft, so wie sie in ihren Kursen ihre Teilnehmer begrüßte. Irritierte und ablehnende Blicke trafen sie von den Handyvertieften und vermeintlich Schlafenden. Der Blick vom Mann hinter der Zeitung war ärgerlich. Dann stand die Frau, die neben ihr saß, auf und ergriff geradezu die Flucht! Dabei verlor sie einen hübschen handgestrickten Handschuh.
Hilde hielt inne. Das hatte sie nicht erwartet. Waren Menschen, die lachen ohne Vorankündigung und ohne sichtlichen Grund, lästig oder sogar gefährlich?
Zum Glück waren sie in der Stadt angekommen und alle stiegen aus. Hilde stieg als Letzte aus. Den verloren gegangenen Handschuh legte sie sorgsam auf den Sitz.
Auf dem Bahnsteig betrachtete sie die Menschen um sich herum und sah in ihre Gesichter. Wenige waren freundlich oder gar fröhlich. Die meisten Menschen schauten finster, müde, traurig, gehetzt oder auch gelangweilt.
Hilde bestieg nun eine U-Bahn, um einen zweiten Versuch zu starten. In den Vorortzügen sind die Rückenlehnen nicht so hoch. So konnte sie die Fahrgäste besser sehen und auch besser gesehen werden. Also ein weiterer Anlauf! Hilde bot alles auf – das ganze Repertoire vom Schmunzeln bis zum herzhaften Lachen. Niemand lachte mit. Die Blicke, die sie wahrnahm, reichten von Gleichgültigkeit bis Ablehnung.
Sie verließ zwei Stationen später den Zug um im nächsten Zug einen neuen Versuch zu starten. Dabei überlegte sie, was sie wohl falsch macht? Was war in den Filmen anders?
War vielleicht die frühe Morgenstunde keine gute Zeit zum Lachen?
Sie beschloss nach Hause zu fahren, wenn auch in diesem Zug niemand mitlacht.
Das Abteil war sehr voll. Einige Leute standen. Hilde hatte einen Sitzplatz. Mit einer Frau gegenüber nahm sie Blickkontakt auf. Die Frau sah sie erst fragend an und begann dann zu schmunzeln. Sie stieß ihre Nachbarin an und nun schmunzelten schon zwei!
Hilde lachte beiden herzhaft zu und – endlich sprang der Funke über – die Frauen lachten mit.
Der Zug fuhr in den nächsten Bahnhof ein, die beiden Frauen standen auf und alle, die um sie herumstanden und mit ihnen ausstiegen, begannen mitzulachen – nicht alle laut, aber doch deutlich. Die Frauen nahmen das Lachen mit. Hilde sah sie noch am Bahnsteig lachen.
Ziel erreicht! Am folgenden Bahnsteig stieg Hilde aus und trat beschwingt mit einem fröhlichen Lächeln im Gesicht den Heimweg an. Dabei fiel ihr auf, wie viele Menschen ihr freundlich zurück lächelten…


