Der Anruf
- 8. Jan.
- 2 Min. Lesezeit
Ich schlafe schon, als das Telefon klingelt. Der Radiowecker zeigt mit grellen Ziffern dreiundzwanzig Uhr vierzig.
Schlaftrunken suche ich nach dem Handy auf dem Tisch neben mir.
„Anonym“ steht auf dem Display.
Es gibt nicht viele die „Anonym“ anrufen und nur einen, der um diese Zeit anruft.
Einen, den ich seit Jahren liebe, der aber Angst vor Nähe hat.
Die Beziehung quält sich, mit Unterbrechungen, dahin. Derzeit ist Unterbrechung angesagt.
Mein Herz klopft, während ich nach dem Handy greife, darüber streiche, es zum Ohr angle und meinen Namen sage.
Stille!

„Hallo?“
Stille!
„Melde dich doch!“
Stille!
„Hallo?“
Dann ist das Gespräch weg.
War ER es?
Oder war es nur eine falsche Verbindung?
War ER es nicht und es machte sich jemand einen Scherz?
Will jemand wissen, ob ich zu Hause bin?
Ich bin noch neu am Ort. Wird hier eingebrochen?
Nein, ER war es doch. Sicher liegt er im Bett und hat Sehnsucht nach mir. Ein schöner Gedanke!
Warum hat er nichts gesagt?
Aber vielleicht war es nur eine Fehlschaltung.
ER hätte sich gemeldet!
Schade, der Gedanke, ER könne an mich denken, ist gerade so schön.
Ich kuschle mich wieder in mein Bett.
Da klingelt es wieder. Wieder „Anonym“!
Dieses Mal bin ich schneller.
„Hallo?“
Stille - dann ist das Gespräch wieder weg.
Ich bin enttäuscht. Meine schönen Gedanken sind weg.
Wut kommt in mir auf!
Vielleicht war es jemand, der nicht schlafen konnte und sich so die Zeit vertrieb?
Oder hat jemand falsch gewählt und war zu feige sich zu entschuldigen.
Ich hätte nicht freundlich „hallo“ sagen sollen, sondern mir die nächtliche Ruhestörung verbieten müssen!
Meine Gedanken wurden wieder sanfter - wenn ER es doch war? Trotzdem …
Ich beschloss, wenn es wieder klingelt, dann nehme ich nicht ab!

Während ich es mir wieder unter meinem warmen Deckbett gemütlich mache, stelle ich mir vor, dass er neben mir liegt - egal ob gerade Unterbrechung angesagt ist.
Der Gedanke ist einfach schön und ich nehme ihn mit in den Schlaf.


