Die Heimkehr des Vaters
- 22. Mai
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Es war 1955 und Nacht. Laute Stimmen auf dem Flur weckten Hilde. Sie schlich sich aus dem Bett und öffnete einen Spalt breit die Tür. Da stand ein fremder Mann mit Hildes Mutter und ihrer Großmutter.
Im Halbdunkel sah sie einen müden, hageren Mann in einem langen dunklen Mantel. Die Situation hatte etwas Beklemmendes - es war keine freudige Begrüßungsstimmung, die man erwartet hatte.
Das ist Hildes Erinnerung an den Moment, als sie ihren Vater das erste Mal sah.
Die Tage zuvor wurden im Rundfunk die Namen vorgelesen von denen, die in langen Zügen auf dem Weg nach Friedland waren. Bange Stunden des Wartens waren das am Rundfunkgerät, bis der Name des Vaters genannt worden war. Hildes Mutter ist dann mit ihrem Schwager dort hingefahren, um den Vater abzuholen.
Fünf Jahre Krieg und elf Jahre in russischer Gefangenschaft hatten ihn gezeichnet. Die spärlichen Karten, die aus Sibirien erlaubt waren, sprachen von ungebrochener Hoffnung auf eine Heimkehr. Aber hier war es nicht so wie in seinen Träumen.
Einige Wochen zuvor war der Großvater gestorben, dem ihre Mutter besonders nachtrauerte. Die Gärtnerei stand zum Verkauf. Alles war im Umbruch. Es gab hässliche Erbstreitereien. Der Laden von Hildes Mutter, in dem sie die Gärtnereiprodukte verkauft hatte, wurde zum Blumenladen. Da das Haus in dem sie wohnten, zur Gärtnerei gehörte, mussten sich die Eltern eine Wohnung suchen.
An das Haus, das Hilde nun mit ihren Eltern bezog, denkt sie nur ungern zurück. Es war ein kleines, kaltes und dunkles Haus ohne Garten. Hinter dem Haus waren die Gleise einer stark befahrenen Bahnlinie.
Während früher, wenn Hilde aus der Schule kam, die Großmutter gekochte hatte und die ganze große Familie zum Essen kam, kam Hilde jetzt in ein leeres Haus. Die Mutter war im Laden und der Vater hatte ziemlich schnell eine Anstellung bei seinem Schwager in der Fabrik gefunden.
Damals, mit elf Jahren, lernte Hilde kochen.
Sie konnte es nicht erklären, aber wenn es dunkel wurde, dann hatte Hilde Angst in diesem Haus. Sie ist dann vor die Tür und hat sich auf die Eingangstreppe gesetzt.
Familienleben gab es nicht – es gab nur Arbeit.
Der Vater war wortkarg und verschlossen. Hilde hätte so gerne von ihm erfahren, bat ihn ihr zu erzählen, wie das war in Russland. Aber sie bekam nie eine Antwort – nicht bis zu seinem Tod.
Die Eltern stritten viel. Manchmal haben sie sich Briefe gegenseitig auf das Kopfkissen gelegt. Die Großmutter, die Mutter von Hildes Mutter, war eine zänkische Frau und machte den Eltern noch zusätzlich das Leben schwer.
1960, fünf Jahre später, bekamen die Eltern noch ein Kind - der lang ersehnte Sohn für meinen Vater. Aber das war weder für die Eltern noch für Hilde und auch nicht für ihren kleinen Bruder gut.
Aber das ist eine andere Geschichte.
Dazu gehört die Geschichte: „Kommt ein Vöglein geflogen …“


