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Die Kandidatur

  • 22. Mai 2025
  • 2 Min. Lesezeit

Es ist Sonntag. Hilde war zum Wählen und während sie nun in ihrem gemusterten Sessel in der Sonne sitzt, erinnert sie sich an eine Begebenheit aus einer Zeit, als sie noch jung war.

Damals wohnte sie in einer 1000-Seelen-Gemeinde. Es war in den 70er Jahren, als man sich gerade auf die Frauen in der Politik besann.

Sie waren eine Bilderbuchfamilie: Der Mann erfolgreich, die Frau zu Hause, 2 Kinder, ein Haus gebaut, die pflegebedürftige Oma ins Haus genommen, der Zweitwagen stand in der Garage und der Hund durfte auch nicht fehlen.

Täglich redete sich Hilde ein, dass sie in dieser Idylle glücklich sei.

Die Alltagsplichten einer „guten Hausfrau“ bestimmten ihr Leben und füllten die Tage aus.

Hildes Mann war Vorsitzender vom Sportverein, war bei der freiwilligen Feuerwehr, konnte gut Reden halten und sie durfte die Hintergrundarbeit leisten.

Da standen eines Tages zwei Herren vor der Tür. Gesetztes Alter, nicht mehr ganz schlank, elegante Freizeitkleidung, bekannt aus dem kommunalpolitischen Geschehen.

Hildes Mann begrüßte sie beflissen und alle setzten sich ins Wohnzimmer.

Die Herren kamen schnell zur Sache: Ob Hilde Interesse hätte, für die nächste Kommunalwahl zu kandidieren.

Hilde bekam feuchte Hände, ihr Herz schlug um Takte schneller. Das war es, was ihr Freude machen würde! Für einen kurzen Augenblick sah sie sich in Aktion, Ideen verfolgen, soziale Arbeit leisten - es öffneten sich Horizonte!

Da richtete ihr Mann seine 1,74 m auf (der Bauch wurde dabei etwas flacher) und sagte: „Wenn  hier einer kandidiert, dann ich!“

Empörung lag Hilde auf der Zunge, nein, eher Verzweiflung!

Die Herren sahen betreten einer zum anderen.

Sie hätte ihren Mann gerne angeschrien, aber sie war stumm.

Er saß selbstgefällig im Sessel, wieder 2 cm kleiner, dafür breiter.

Die Herren verabschiedeten sich mit höflichem Bedauern.

Hilde fand keine Worte, war wie erstarrt.

Als die Herren gegangen waren, sagte ihr Mann: „Mäuschen, sei mir nicht bös´, ich wollte dir nur eine Blamage ersparen. Du wärst doch nicht gewählt worden. Denk mal, was die Leute dann reden. Du würdest nur belächelt werden.“

 

Das Ganze wiederholte sich einige Tage später von der anderen Partei.

Da kandidierte Hildes Mann dann und wurde gewählt. Sie machte Hintergrundarbeit. Er hielt Reden und sie lächelte (War ihr doch immer bewusst, dass der Gute ihr eine Blamage erspart hatte!). Sie waren eine Bilderbuchfamilie.

 

Als Hilde ihn nach 20 Ehejahren verließ, sagten die Leute im Dorf: „Was die nur hat, die hat doch alles gehabt.“

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