Jahrgang 44
- 4. Nov. 2025
- 2 Min. Lesezeit

Hilde hat es sich in die ihrem alten, gemusterten Sessel bequem gemacht.
Gerade bekam sie eine WhatsApp von ihrer Schwiegertochter mit Bildern von ihrem jüngsten Enkelkind, einem lebhaften kleinen Jungen mit einem bezaubernden Lächeln. Während sie ganz großmütterlich verliebt die Fotos betrachtet, schweifen ihre Gedanken ab - zurück - weit zurück - genau 80 Jahre zurück, als sie geboren wurde.
Damals lag das Land in Schutt und Asche.
Aus den Erzählungen ihrer Mutter weiß sie, dass diese mit ihrer Schwester, beide hochschwanger, den Bombenangriffen auf die nahegelegene Stadt in ein kleines Dorf auf dem Land entflohen sind und da über die Zeit der Geburten bis zum Kriegsende lebten.
Während Hildes Mutter bei den Bauern gegen Lebensmittel nähte, und ihre Mutter war sehr geschickt darin, versorgte Hildes Tante die Kinder.
Erst nach Kriegsende kehrten sie wieder zurück zur heimischen Gärtnerei und warteten auf ihre Männer bzw. Väter. Bei Hilde und ihrer Mutter dauerte das elf Jahre.
Hilde schließt die Augen, lässt alte Bilder aufsteigen, sieht sich in dem großen Garten der Gärtnerei mit den vielen Blumen unerinnert an die Tiere, mit denen sie gerne sprach. In den Treibhäusern roch es ganz wunderbar. Und dann gab es da noch die Fliederhecke, durch die sie gerne kroch. Im Sommer nahm sie ein Körbchen unter den Arm und sammelte Beeren und Früchte, die sie dann genüsslich aß.
Ganz hinten im Garten gab es einen großen Krater. Im Sommer wuchs er mit hohen Brennnesseln zu. Hilde ist immer respektvoll drum herum gegangen. Alle taten das so. Die Erwachsenen erzählten, dass da gegen Ende des Krieges eine Bombe eingeschlagen war. Es war wie ein Mahnmal des Krieges, das einfach bestehen blieb.
Es hätte eine wunderschöne Kindheit sein können, wenn da nicht die Erwachsenen gewesen wären, die nie Zeit hatten, ihr nicht zuhörten und ihr immer das Gefühl gaben, lästig zu sein.
Aber sie hatte ja Inge, ihre Puppe. Die war ihre Vertraute. Sie hörte zu und hat sie überall begleitet - bis sie geköpft wurde. Aber das ist eine andere Geschichte.


