Dr. H., Zahnartzt
- 8. März
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Aktualisiert: 10. März

Hilde lebt in zwei Wohnungen – einmal beim Mann der Tat, da steht auch ihr Pavillon – und dann in ihrer alten Heimat, oder was sie als Heimat empfindet. Da wohnt sie über einer Zahnarztpraxis. Sie kann nicht umhin, aus den großen Fenstern auf die Straße zu schauen und zu beobachten, wie die Leute zum Zahnarzt gehen. Dabei fragt sie sich oft, welche Gefühle sie wohl begleiten mögen. Sie ist voller Mitgefühl mit all jenen, die sich unangenehmen Behandlungen unterziehen müssen.
Hilde hat das Glück – bis jetzt –, gute Zähne zu haben und die notwendigen Behandlungen der Vergangenheit ließen sich ertragen, bis auf ihre erste Begegnung mit einem Zahnarzt. Die ist ihr noch heute in schlimmer Erinnerung.
Sie war etwa 8-9 Jahre alt. Niemand hatte ihr Mut zugesprochen oder Händchen gehalten oder vielleicht mit dem Zahnarzt über die notwendige Behandlung gesprochen. Sie sollte einen Backenzahn gezogen bekommen, aber so genau wusste sie es nicht und auch nicht warum.
Der Zahnarzt war ein großer, dicker Mann mit einem feisten Gesicht. Als er sich über sie beugte, schnaufte er schwer. Schweiß lief ihm über das Gesicht und tropfte auf sie. (Damals waren Gesichtsmasken noch nicht üblich). Hilde hatte große Angst vor ihm. Sie war vor Angst starr. Er zog zwei Zähne. Warum hat sie nie erfahren.
Ihr Mund war voller Blut. Er schickte sie nach Hause. Das waren etwa 200 m zu laufen. Hilde spuckte und spuckte Blut. Dazwischen musste sie sich übergeben, weil ihr vom Geschmack des Blutes übel war. Zu Hause angekommen, ging sie an den Wasserhahn im Flur und spülte und spülte und spülte und weinte immerzu. Niemand war da. Niemand fragte nach ihr.
Sie kann sich nur erinnern, dass sie die folgenden Tage mit hohem Fieber im Bett lag.
Wie schön, wenn sie dann unten in der Praxis die hübsche Kinderecke sieht und weiß, dass man heute die Kinder nicht mehr alleine schickt zu einem Mann, der die Kinder das Fürchten lehrt.


