Himmel oder Hölle?
- 20. Mai 2025
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 23. Mai 2025

Die Hölle kannte Hilde. Das war, wenn der Großvater sie ins „kleine Treibhaus“ rief. Da gab es nur einen Gang, der aussah wie ein Schützengraben - und kein Entrinnen. Am Ende des Gangs musste sie dem Großvater „Freude“ machen. Manchmal glaubte sie dabei zu ersticken …
Das war vorbei - der Großvater war tot.
Oder, wenn Hilde nicht brav gewesen war, vielleicht etwas angestellt hatte, dann wurde sie zur Strafe zum „Butzemann“ in den Keller eingesperrt. Der Butzemann war eine Gasmaske aus dem 2. Weltkrieg, die innen über der schweren Holztür des Heizungskellers hing. Die Tür wurde mit großen eisernen Hebeln verschlossen. Da stand ein - für Hilde gefühlt - riesengroßer Koksofen und ringsum lag der Koks auf dem Boden und die Wände hoch. Durch ein kleines Fenster ließ das spärliche Licht die Umrisse der Gasmaske erkennen. Hilde glaubte, darin ein Monster mit einem großen Maul zu erkennen. Sie kann sich erinnern, wie sehr sie geschrien hatte und sich gewehrt hatte, auf der steilen Treppe in den Keller - sie hatte furchtbare Angst. Aber niemand aus der Großfamilie kam ihr zu Hilfe.
Auch das war vorbei. Sie waren aus dem großen Haus ausgezogen.
Aber was war der Himmel? Wo war der „liebe Gott“, von dem man ihr in der Schule erzählte? Was muss man tun, wie muss man sein, um den Himmel erleben zu können. Wenn man tot ist und brav war, dann kommt man in den Himmel und das soll schön sein. Aber konnte es „Himmel“ auch auf Erden geben? Und wie ist das? Wie kann man etwas erreichen, das man nicht kennt?
Wenn Hilde auf den Gleisen stand und auf einen Zug wartete, dann gingen ihr immer diese Fragen durch den Kopf. Da war dieser Zwiespalt - soll sie stehen bleiben und den Himmel im Jenseits riskieren? Oder soll sie noch warten, ob hier auf Erden etwas kommt, was sich schön anfühlt? Soll sie zurück radeln in das dunkle Haus, in dem sie jetzt lebten und in die Einsamkeit, zu den Menschen, von denen sie sich so sehr gezeigte Liebe wünschte, die ihr aber wenig zugewandte Aufmerksamkeit schenkten, sondern in ihrem Leben mit ihren Problemen so sehr gefangen waren, dass sie Hilde mit ihren Bedürfnissen kaum wahr nahmen?
Aber da war die Schule, ein Lichtblick - Geometrie, Rechenaufgaben, Gedichte, Aufsätze, Geschichte - der Kopf war voll von spannenden Erkenntnissen und Anregungen - da konnte sie vergessen, dass sie traurig war. Sie konnte die Angst vergessen, die sie in dem Haus hinter den Bahngleisen, in dem sie jetzt wohnte, immer beschlich. In der Konzentration auf eine Schulaufgabe konnte sie auch die Einsamkeit vergessen - für eine Weile.
Und sie drehte sich um und stieg wieder aus dem Gleisbett. Die Schienen vibrierten vom nahenden Zug, das Warnsignal des Zuges dröhnte - der Zug fuhr hinter ihr vorbei - sie ging durch das Unkraut zu ihrem Fahrrad, fuhr noch ein wenig über die Feldwege, um sich zu beruhigen, bevor sie nach Hause fuhr in ein Heim, in dem sie sehr unglücklich und allein war.

Viele Male stand sie so da auf den Gleisen - bis sie sich dafür entschied, auf eine Zukunft zu hoffen, die sie den „Himmel“ erfahren lässt.


