Kommt ein Vöglein geflogen ...
- 30. Okt. 2025
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Kommt ein Vöglein geflogen, setzt sich nieder auf mein Fuß,
hat ein Brieflein im Schnabel, von dem Vater einen Gruß.
Dieses Liedchen geht Hilde heute nicht aus dem Kopf. Sie hat es als Kind oft gesungen. Und einmal ist eine Karte aus dem fernen Russland, wo ihr Vater viele Jahre in russischer Gefangenschaft lebte, nur für sie gewesen. Das war das einzige persönliche Lebenszeichen das sie von ihm hatte, bis er 1955 aus Russland, aus Perwo-Uralsk bei Swerdlowsk, zurückkam.

Sie kann sich nicht daran erinnern, was diese Karte für sie damals bedeutet hat. Der Vater war fremd für sie. Sie beneidete immer ihre Schulkameradinnen, die einen „richtigen“ Vater hatten, einen zum Anfassen und Liebhaben.
Als sie diese Karte dann als erwachsene Frau in den Händen hielt, haben die liebevollen Worte sie sehr berührt. Sie hat sie gerahmt und in ihrem Schlafzimmer aufgestellt. Leider blieb ihr der Vater in all den folgenden Jahren, bis zu seinem Tod mit 86 Jahren, fremd. Es gab keine Gespräche, keine Umarmungen, kein Miteinander und keine gemeinsamen Unternehmungen. All die Fragen, die Hilde hatte, wurden - selbst als sie erwachsen war - nicht beantwortet. Da war eine große Kluft, die nie überwunden werden konnte. Ihr Vater blieb ihr immer fremd. Er ließ keine Nähe zu. Er war traumatisiert von den Kriegsjahren und den Jahren danach in der Gefangenschaft.


